Chartular von Lausanne

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Seite aus dem Chartular von Lausanne (Burgerbibliothek Bern)
Die Urkundensammlung mit dem geöffneten Lederumschlag (Burgerbibliothek Bern)
Chartular von Lausanne, Blatt 4 Rückseite: Ausschnitt aus dem Kirchenverzeichnis der Diözese Lausanne

Das Chartular von Lausanne (manchmal erwähnt als lat. Cartularium Lausannense, frz. Cartulaire du Chapitre de Notre-Dame de Lausanne) ist ein Kopialbuch des Domkapitels von Lausanne aus dem 13. Jahrhundert. Die in der Geschichtsforschung viel beachtete Handschrift ist eine erstrangige Quelle für die Geschichte der Bischofskirche von Lausanne und zahlreicher Ortschaften in der ehemaligen Diözese Lausanne. Sie befindet sich seit 1803 in der Handschriftensammlung der Burgerbibliothek Bern.

Das Buch entstand in der Zeit von etwa 1202 bis 1242 und enthält einige Nachträge aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Es ist eine Sammlung von Abschriften nach Schriftstücken im Archiv der Kathedrale von Lausanne aus der Zeit von 814 bis 1242, von deren Originalen nur mehr wenige vorhanden sind, und von zeitgenössischen Dokumenten. Als Redaktor der Schrift ist der Domdekan und bischöfliche Vizekanzler Cono von Estayer (vor 1200–1243/1244) erwähnt, dessen Beweggründe für die Kompilation der Urkundensammlung im Buch genau dargelegt sind. Cono von Estavayer zählt zu den bedeutenden Akteuren der seit dem späten 12. Jahrhundert in der Genferseeregion rasch zunehmenden Schriftlichkeit der Verwaltungen.[1] Die Einträge stammen von mehreren Schreibern, einige von Dompropst Cono von Estayer selbst, so etwa die geschichtliche Darstellung in den Annales Lausannenses (Abschnitt 14 des Chartulars). Unter Propst Cono waren zeitweilig die jugendlichen Grafen Thomas und Peter von Savoyen Kanoniker und Schreiber in Lausanne.

In das Chartular, das 150 Blätter enthält, liess Propst Cono Dokumente unterschiedlicher Art eintragen: So finden sich darin unter anderem Chroniktexte, Urkunden, die Statuten des Domkapitels, ein um 1228 neu zusammengestelltes topographisches Verzeichnis der Dekanate, Kirchen und Klöster in der Diözese Lausanne, ein Urbar, die Liste der Bischöfe von Lausanne und ein Nekrolog. Einige Blätter stammen von einer bereits um 1200 angelegten Urkundensammlung und wurden in die neue Dokumentation des Dompropstes Cono mit eingebunden. In das Buch wurden fortlaufend aktuelle Dokumente neu eingetragen, so etwa ein Bericht über den Stadtbrand von Lausanne im Jahr 1235.

Die Schrift enthält auch Angaben zu fränkischen, burgundischen und deutschen Königen. Für zahlreiche Kirchen und Ortschaftsnamen der Westschweiz ist das Chartular die erste überlieferte Geschichtsquelle.

Das Chartular wurde erstmals 1851 von David Martignier und Frédéric de Gingins-La Sarraz, danach 1879 von Georg Waitz ausschnittweise in den Monumenta Germaniae Historica, Band 24, und vollständig von Charles Roth 1948 in den Schriften der Société d’histoire de la Suisse romande publiziert.

  • Jean-Daniel Morerod: Lausanner Chartular. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  • Charles Roth: Cartulaire du chapitre de Notre-Dame de Lausanne. Edition critique (= Mémoires et documents publies par la Societe d’Histoire de la Suisse Romande, troisieme partie, troisieme serie, tome III.) Lausanne 1948.
  • Charles Roth: Le Cartulaire du chapitre de Notre-Dame de Lausanne. Sa Composition et sa Place dans l’historiographie romande. In: Memoires de la Societe pour l’Histoire du Droit et des Institutions des anciens pays bourguignons. Band 12. Dijon 1948–1949, S. 287–291.
  • Elisabeth Meyer-Marthaler: Das Chartular des Domkapitels von Lausanne. In: Zeitschrift für schweizerische Geschichte, 28, 1948, S. 366–369.
  • Frank M. Bischoff: Kodikologische Beiträge zum Lausanner Kartular. In: Peter Rück (Hrsg.): Mabillons Spur. Marburg 1992, S. 167–191.
  • Eduard Hlawitschka: Die Ottonen-Einträge der Lausanner Annalen. In: M. Wissemann (Hrsg.): Roma renascens. Beiträge zur Spätantike und Rezeptionsgeschichte. Ilona Opelt von ihren Freunden und Schülern zum 9. 7. 1988 in Verehrung gewidmet. Frankfurt am Main 1988, S. 125–148.
  • Ernst Tremp: Wunder und Wallfahrt. Das Marienheiligtum von Lausanne nach den Mirakelberichten im Chartular Conos von Estavayer (1232–1242). In: Francia. 32, 2005.
  • Paul Vuille: Le Cartulaire de Lausanne et le Pays de Neuchâtel. In: Musee Neuchatelois. Revue d’histoire regionale fondee en 1864. Band 11/13. Neuchâtel 1974, S. 60–78.
  • Louis Waeber: Les décanats et paroisses de l’ancien diocèse de Lausanne. In: Zeitschrift für schweizerische Kirchengeschichte, Band 35, 1941, S. 270–308.
  • Peter Rück: Les registres de l’administration capitulaire de Lausanne (XIIIe–XVIe s.). In: Revue historique vaudoise, 1975, S. 135–186.
  • Hans Eberhard Mayer: Zwei Fragmente des Chartulars des Bistums Lausanne. In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, 9, 1959, S. 465–488.
  • Catherine Santschi: Les Eveques de Lausanne et leurs historiens des origines au XVIIe siecle. Erudition et société. Lausanne 1975.
Commons: Cartularium Lausannense – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Peter Rück: Das öffentliche Kanzellariat in der Westschweiz (8.–14. Jh.). In: G. Silagi (Hrsg.): Landesherrliche Kanzleien im Spätmittelalter. Referate zum VI. Internationalen Kongreß für Diplomatik, München, 1983. München 1984 (= Münchener Beiträge zur Mediävistik und Renaissance-Forschung, 35) S. 203–271, hier S. 265.