Franz Xaver Messerschmidt

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Franz Xaver Messerschmidt (* 6. Februar 1736 im damals bayerischen Wiesensteig; † 19. August 1783 in Pressburg) war ein deutsch-österreichischer Bildhauer zwischen Barock und Klassizismus. Messerschmidt wurde vor allem durch seine teilweise recht kuriosen Werke bekannt.

Charakterkopf („Heraklit“, Alabasterbüste, Württembergisches Landesmuseum Stuttgart)
Charakterkopf („Demokrit“, Alabasterbüste, Württembergisches Landesmuseum Stuttgart)

Franz Xaver Messerschmidt war der Sohn des Weißgerbers Johann Georg Messerschmidt (1669, † 1746) und dessen Ehefrau Johanna geb. Straub (* 1704, † 1784), Schwester von Philipp Jakob Straub (* 1706, † 1774) und Johann Baptist Straub (* 1704, † 1784). Er kam nach einer Ausbildung in München bei seinem Onkel Johann Baptist Straub sowie in Graz bei dem weiteren Onkel Philipp Jakob Straub 1755 an die Akademie der bildenden Künste in Wien, wo er unter anderem bei Jakob Christoph Schletterer und Matthäus Donner studierte. Sein Mentor war Martin van Meytens, der Hofmaler Maria Theresias, der ihm eine Anstellung als „Stuckverschneider“ (= Ziseleur der Kanonengüsse) im Kaiserlichen Zeughaus verschaffte.[1] Im Jahre 1765 reiste er für einen Studienaufenthalt nach Rom.

In den 1760er Jahren wurde ihm eine Professur an der Akademie der bildenden Künste in Aussicht gestellt, die aufgrund späterer Einwände des Staatskanzlers Kaunitz nicht vollzogen wurde. Von Maria Theresia wurde er sehr geschätzt, so dass er zu einer Art „Hofbildhauer“ wurde. In der Österreichischen Galerie im Belvedere stehen in der Sala Terrena lebensgroße bronzene Statuen (von Maria Theresia und Franz Stephan von Lothringen), die sie bei der Krönung zeigen. Das Herrscherpaar wird schlicht und realistisch dargestellt, der Charakter einer Apotheose ergibt sich erst durch die Umgebung. Zuvor schon entstanden auch Bronzereliefs Josephs II. und seiner Ehefrau Isabella von Parma.

Um 1770 entstanden Büsten Gerard van Swietens, die bereits karikaturhafte Züge annehmen. Messerschmidt verließ Wien zunächst Richtung Wiesensteig und München. Im Jahre 1777 zog er nach Preßburg, wo sein jüngerer Bruder Johann Adam Messerschmidt[Anm 1] lebte und wohnte. Dort arbeitete Franz Xaver hauptsächlich an den Charakterköpfen weiter, auf die vor allem sein Nachruhm zurückgeht. In Preßburg baute er sich eine neue Existenz auf und hier verbrachte er die letzten sechs Jahre seines Lebens; in der (damaligen) Preßburger Vorstadt 'Zuckermandel' erwarb er ein Haus, in welchem er ein Atelier einrichtete. Messerschmidts Preßburger Büsten der Charakterköpfe zeigen gegenüber den früheren Werken eine schärfere Charakteristik und stellen menschliche Typen (Erzbösewicht, Mißmutiger, Nießer u. a.) karikaturenhaft gesteigert in groteskem Mienenspiel dar. Messerschmidt starb im Alter von 47 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung in Preßburg und wurde am St. Nicolai-Friedhof[Anm 2] in der Vorstadt Zuckermandel beigesetzt. Seine Grabstelle blieb nicht erhalten.

Gemäß einem Kurzbericht der in Bratislava erscheinenden ungarischsprachigen Tageszeitung Új Szó[Anm 3] vom 5. Mai 1957, soll ein Journalist dieser Zeitung anlässlich eines Spazierganges in der Nähe des St. Nicolai-Friedhofes Messerschmidts Grabstein auf einer Müllhalde in der Nähe des Friedhofes vorgefunden haben.[2] Nach der Samtenen Revolution hat man symbolisch auf den Friedhof einen Grabstein mit den Lebensdaten Messerschmidt aufgestellt. Die genaue Lage des ursprünglichen Grabes blieb jedoch unbekannt.[Anm 2]

Charakterköpfe

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Der Bildhauer selbst nannte sie nur „Köpfe“ oder „Köpf-Stückhe“. Dies ist eine Serie von rund 52 als Selbstporträts gestalteten Büsten in Alabaster, die teils nur als Gipsabgüsse erhalten geblieben oder durch Photographien und Lithographien bekannt sind.

Gezeigt werden alle Arten von physiognomischen Zuständen (Affekte) – bis hin zu extremen Grimassen. Es ist bekannt, dass Messerschmidt viele Eigenstudien mit dem Spiegel machte. Er schreckte aber auch vor drastischeren Maßnahmen nicht zurück: So sprang er vor Passanten, hielt ihnen eine Pistole entgegen und studierte dabei das Entsetzen im Gesicht der Betroffenen. Die Lehre vom Animalischen Magnetismus seines Freundes und Arztes Franz Anton Mesmer war dabei sowohl in seine Plastiken als auch in seine Vorstellungswelt eingeflossen.

Die Namen, unter denen die Büsten seit einem Ausstellungs-Katalog für die Serie aus dem Jahre 1794 bekannt sind, wurden vielleicht erst nach seinem Tod geprägt. Ebenso ist es unsicher, ob bereits der Künstler selbst die mit diesem Katalog übereinstimmenden Nummern an den metallenen Objekten angebracht hat. Die Büsten, die durch ihre grotesken, mehrdeutigen und irritierenden Gesichtsausdrücke faszinieren, spiegeln die neu formulierten Ideale der Kunst der Aufklärung des späten 18. Jahrhunderts wider. Die verbreitete Ansicht, Messerschmidt habe an einer psychischen Erkrankung gelitten, entbehrt jeder Grundlage und ist durch Quellen nicht zu belegen.

Die größte Sammlung von Charakterköpfen besitzt das Belvedere in Wien. Zwölf Exponate davon werden in der Dauerausstellung gezeigt. Folgende Themen lassen sich bei den etwa 50 Köpfen als Werkgruppen herausbilden:

  • Augen offen / Mund normal
  • Augen offen / Augenbrauen unten
  • Augen offen / Augenbrauen hochgezogen
  • Augen offen / Augenbrauen hochgezogen / Hals gestreckt
  • Augen geschlossen
  • Augen geschlossen / Nase und Kinn nach vorn (riechend)
  • Augen geschlossen / Verstopfung
  • Mund offen
  • überstreckte Schnabelköpfe

Weitere Werke (Auszug)

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  • Bildnisbüste Feldmarschall Josef Wenzel Fürst von Liechtenstein, vor 1783, Bronze/grauer Marmor, 70 × 70 × 88 cm, Heeresgeschichtliches Museum, Wien.
  • Bronzerelief Josef II. als Erzherzog mit Gegenstück Isabella von Parma, 1760/1763, Bronze, 125 × 98 × 8 cm (hochoval), Belvedere, Wien.
  • Zweiter Schnabelkopf, 1770/1783, Braun gefleckter Alabaster, 43 × 25 × 23 cm, Belvedere, Wien.
  • Der Schaafkopf, 1770/1783, Braun gefleckter Alabaster, 43 × 23 × 32 cm, Belvedere, Wien.
  • Maria Theresia als Königin von Ungarn, 1764–1766, Zinn-Kupfer-Legierung, 202 × 110 × 60 cm, Belvedere, Wien.
  • Kaiser Franz I. Stephan von Lothringen, 1765–1766, Zinn-Kupfer-Legierung, 216 × 110 × 80 cm, Belvedere, Wien.
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen, um 1780, Büste aus Carrara-Marmor, 82 cm, Albertina, Wien[3]

Im Jahr 1894 wurde in Wien-Währing (18. Bezirk) die Messerschmidtgasse nach ihm benannt.

Neben vielen anderen war auch Arnulf Rainer von den Charakterköpfen fasziniert, Bilder von diesen verwendete er immer wieder als Basis für Übermalaktionen.

Am 28. Januar 2005 wurde eine von Messerschmidts Skulpturen für die Rekordsumme von 4,8 Millionen Dollar (3,7 Millionen Euro) bei Sotheby’s von Vertretern des Louvre ersteigert.

In Bratislava wurde im Jahr 2011 unter der Regie von Peter Dimitrov ein Dokumentarfilm mit dem Titel Čas grimás („Zeit der Grimassen“) über Messerschmidt gedreht.[4]

  • Hans-Georg Behr, Herbert Grohmann, Bernd-Olaf Hagedorn: Die Kunst der Mimik. Franz X. Messerschmidt und seine Charakterköpfe. 2. neu ausgestattete Auflage, Beltz, Weinheim u. a. 1989, ISBN 3-407-85098-0.
  • Maraike Bückling (Hrsg.): Die phantastischen Köpfe des Franz Xaver Messerschmidt. Hirmer, München 2006, ISBN 3-7774-3365-9.
  • Otto Fischer: Messerschmidt, Franz Xaver. Bildhauer. 1736–1783. In: Hermann Haering / Otto Hohenstatt (Hrsg.): Schwäbischer Lebensbilder. Bd. 3. Kohlhammer, Stuttgart 1942, S. 406–417.
  • Otto Glandien: Franz Xaver Messerschmidt (1736–1783). Ausdrucksstudien und Charakterköpfe. Dissertation an der Universität Köln 1981. Forschungsstelle des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität, Köln 1981.
  • Albert IlgMesserschmidt, Franz Xaver. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 21, Duncker & Humblot, Leipzig 1885, S. 497–499.
  • Karpatendeutsches Biographisches Lexikon, Stuttgart 1988, ISBN 3-927096-00-8, S. 224.
  • Ernst Kris: Ein geisteskranker Bildhauer. Imago 19/1933, S. 384–411.
  • Michael Krapf (Hrsg.): Franz Xaver Messerschmidt. 1736–1783. Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit 2002, ISBN 3-7757-1245-3.
  • Brigitte Kronauer: Die Einöde und ihr Prophet. Über Menschen und Bilder. Klett-Cotta, Stuttgart 1996, ISBN 3-608-93406-5.
  • Ulrich Pfarr: Franz Xaver Messerschmidt : 1736 - 1783 ; Menschenbild und Selbstwahrnehmung. Berlin 2006, ISBN 978-3-7861-2525-9.
  • Maria Pötzl-Malikova: Messerschmidt, Franz Xaver. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 17, Duncker & Humblot, Berlin 1994, ISBN 3-428-00198-2, S. 219 f. (Digitalisat).
  • Maria Pötzl-Malikova: Franz Xaver Messerschmidt. Jugend und Volk, Wien u. a. 1982, ISBN 3-7141-6794-3.
  • Maria Pötzl-Malikova: Franz Xaver Messerschmidt (1736–1783) – Monografie und Werkverzeichnis. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2015, ISBN 978-3-99028-449-0 (Belvedere-Werkverzeichnisse; 4).
  • Merkwürdige Lebensgeschichte des Franz Xaver Messerschmidt, k. k. öffentlicher Lehrer der Bildhauerkunst. Herausgeber: Verfasser der freimüthigen Briefe über Böhmens und Oestreichs Schaafzucht. Wien 1794. Faksimilienausgabe der Wiener Bibliophilen-Gesellschaft mit einem Nachwort von Maria Pötzl-Malikova. Wien 1982.
  • Theodor Schmid: 49 Köpfe. Die Grimassen-Serie des Franz Xaver Messerschmidt. Dissertation an der Universität Zürich 2004. Schmid, Zürich 2004, ISBN 3-906566-61-7.
  • Constantin von Wurzbach: Messerschmidt, Franz Xaver. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 17. Theil. Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1867, S. 441–450 (Digitalisat).
  • Frank Matthias Kammel: Charakterköpfe: die Bildnisbüste in der Epoche der Aufklärung. Verlag des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 2013, ISBN 978-3-936688-75-7.
  • Gottfried Biedermann, Rezension zu: Maria Pötzl-Malikova: Franz Xaver Messerschmidt. Jugend und Volk, Wien u. a. 1982, in: Kunstchronik, 1984 (37. Jg.), Heft 4, S. 136–146.
Commons: Franz Xaver Messerschmidt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  1. Johann Adam Messerschmidt (* ? in Wiesensteig, † 24. September 1794 in Preßburg) war ein in Preßburg wirkender Bildhauer und Steinmetz. Er arbeitete auch in Gran und Ofen.
  2. a b Der St. Nicolai Friedhof in der Vorstadt 'Zuckermandel' gehört zu den ältesten Friedhöfen der Stadt. Manche Lokal-Historiker nehmen an, dass an der Stelle des heutigen Friedhofes bereits im 13. Jahrhundert ein älterer Vorgänger-Friedhof bestand wo Bestattungen stattfanden. Der Friedhof in jetziger Form wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts angelegt. Ab den 1950er Jahren fanden hier keine Bestattungen mehr satt. Die kommunistischen Machthaber der Tschechoslowakei hatten kein Interesse diesen Friedhof mit mehrheitlich deutschen Grabaufschriften zu erhalten.
  3. Die Tageszeitung Új Szó (dt. "Neues Wort") erscheint seit dem 1. Dezember 1948, sie wurde ursprünglich als ungarisches Sprachorgan des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Slowakei (KSS) gegründet, besteht aber bis heute.

Einzelnachweise

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  1. Ilse Krumpöck: Die Bildwerke im Heeresgeschichtlichen Museum. Wien 2004, S. 120 f.
  2. Grabstein auf der Müllhalde in Új Szó 10/123 vom 4. Mai 1957 (ungarisch), S. 7
  3. Albertina (Gebäude) im Wien Geschichte Wiki der Stadt Wien
  4. Zeit der Grimassen – ein Dokumentarfilm über den exzentrischen Bildhauer Franz Xaver Messerschmidt auf Radio Slovakia International vom 8. März 2011, abgerufen am 3. Mai 2011.