Junioren-Weltmeisterschaften im Rudern

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Die Junioren-Weltmeisterschaften im Rudern (englisch World Rowing Junior Championships) sind seit dem Jahr 1967 jährlich vom Weltruderverband ausgetragene Weltmeisterschaften der Junioren-Altersklasse im Rudersport. Die Veranstaltung hat seit 1985 seitens des Weltverbandes einen offiziellen Weltmeisterschaftscharakter, zuvor wurde sie bei gleichem Format als FISA Youth Regatta (1967–1969) bzw. FISA Championships for Juniors (1970–1984) bezeichnet.

Die U19-Altersklasse (Junioren A) ist im Rudersport die letzte Altersstufe im Jugendbereich und die einzige, in der Weltmeisterschaften ausgerudert werden. Startberechtigt sind Sportler, die im laufenden Kalenderjahr das 19. Lebensjahr noch nicht vollenden.[1] Unterhalb der U19-Altersklasse existiert die U17-Klasse (Junioren B), deren Sportler unter Bedingungen auch im U19-Bereich starten dürfen.

Die Ruderregatta der Junioren-Weltmeisterschaften wird typischerweise im August, seltener auch im Juli ausgetragen und läuft etwa fünf Tage lang. Als Wettkampfstätten kommen Regattastrecken der Kategorie A vom Weltruderverband in Betracht,[1] auf denen 6 bis 8 Bahnen mit Albano-System und eine Startanlage zur Verfügung stehen. Die Wettkampfdistanz beträgt ebenso wie im Senioren-Bereich in allen Läufen 2000 Meter ohne Kurven,[1] in jedem Wertungslauf können maximal sechs Mannschaften gleichzeitig starten. Wenn – wie üblich – mehr als sechs Meldungen je Wettbewerbsklasse eingehen, wird im Rahmen der Regatta über Vor- und Hoffnungsläufe sowie ggf. Halbfinals eine Qualifikation für die sechs Endlauf-Startplätze durchgeführt.

Für die Junioren-Weltmeisterschaften können alle nationalen Mitgliedsverbände des Weltruderverbandes jeweils eine Mannschaft je ausgetragener Bootsklasse melden.[1] Alle Mannschaftsmitglieder müssen die Staatsangehörigkeit des meldenden Verbandes besitzen.[1] Typischerweise ist eine nationale Qualifikation mit einem Selektionsprozess oder einem Ausscheidungswettkampf wie etwa nationalen Junioren-Meisterschaften notwendig für die Auswahl der Mannschaften. Für die Junioren-Weltmeisterschaften gemeldete Ruderer dürfen bei dieser Veranstaltung grundsätzlich in mehr als einer Bootsklasse eingesetzt werden, wenngleich das ein eher unübliches Verfahren ist.

Das Regelwerk der Regatta wird von den Rules of Racing des Weltruderverbandes festgesetzt.[1] Die Titelgewinner dürfen sich World Rowing Junior Champions (übersetzt etwa Junioren-Ruder-Weltmeister) nennen.

Die Auswahl der Bootsklassen wurde historisch gelegentlich verändert. Im Programm sind aktuell (2018) Wettbewerbe für Mädchen und Jungen der offenen Gewichtsklasse.[2] Leichtgewichtsrudern findet im Juniorenbereich auf internationaler Ebene aufgrund der damit verbundenen Gesundheitsrisiken nicht statt, entsprechend gibt es keine Wettbewerbe bei den Junioren-Weltmeisterschaften. Für Pararuderer sind ebenfalls keine Wettbewerbe ausgeschrieben. Das Programm der Junioren-Weltmeisterschaften umfasst folgende Wettbewerbsklassen:

Bootsklasse Kürzel Jungen Mädchen
Einer 1x seit 1967 seit 1978
Doppelzweier 2x seit 1967 seit 1978
Doppelvierer 4x seit 1974 seit 1985
Doppelvierer mit Steuerfrau 4x+ 1978–1984
Zweier ohne Steuermann 2- seit 1967 seit 1978
Zweier mit Steuermann 2+ 1967–2004
Vierer ohne Steuermann 4- seit 1967 seit 1989
Vierer mit Steuermann 4+ seit 1967 1978–1988, ab 2018
Achter 8+ seit 1967 seit 1978

Das Regattaformat der Junioren-Weltmeisterschaften wurde in den 1960er-Jahren entwickelt. Eine erste internationale Ruderregatta mit Beteiligung aus Frankreich und Deutschland wurde im Jahr 1961 veranstaltet,[3] ein Jahr später nahmen mit Italien, Belgien und der Schweiz bereits drei weitere Nationen teil. Als erste Regatta mit inoffiziellem Weltmeisterschaftscharakter wurde die FISA Youth Regatta 1967 in Ratzeburg aufgefasst.

In den 1960er- und 1970er-Jahren wurden weitere wichtige Weichenstellungen im internationalen Rudersport vorgenommen. Die Ruder-Weltmeisterschaften waren zunächst ab 1962 im vierjährigen Rhythmus installiert worden, da bei den Ruder-Europameisterschaften unterdessen Teilnehmer aus Übersee selbstverständlich geworden waren. Ab 1974 ersetzten Weltmeisterschaften im jährlichen Rhythmus die Europameisterschaften für mehr als 30 Jahre vollständig. Eine weitere Neuerung war die Einführung des Frauenruderns bei der olympischen Ruderregatta ab 1976 und die Berücksichtigung von Leichtgewichtswettbewerben auf internationaler Ebene. Die Weltmeisterschaften der U23-Altersklasse wurden 1976 aus einem Vorläuferformat heraus installiert und sind damit ebenfalls ein Produkt jener Zeit.

Die (zunächst inoffiziellen) Junioren-Weltmeisterschaften starteten 1967 mit sieben Wettbewerbsklassen für Jungen der offenen Gewichtsklasse, die auch bei den offenen Ruder-Weltmeisterschaften und der olympischen Ruderregatta zu der Zeit ausgeschrieben waren. Der Doppelvierer wurde ebenso wie bei den offenen Weltmeisterschaften erst 1974 ergänzt, der Zweier mit Steuermann wurde nach der letzten Austragung im Jahr 2004 aus dem Programm entfernt. Sechs Wettbewerbsklassen für Mädchen wurden 1978 ergänzt, darunter der damals im Frauenrudern übliche Doppelvierer mit Steuerfrau. Ab 1985 wurde er durch den ungesteuerten Doppelvierer ersetzt. Die geruderte Streckenlänge wich anfangs von der olympischen Distanz von 2000 Metern ab. Jungen ruderten von 1967 bis 1988 über 1500 Meter, seit 1989 über 2000 Meter. Mädchen mussten von 1978 bis 1984 gar nur 1000 Meter rudern, danach bis 1988 übergangsweise wie die Jungen 1500 Meter und seit 1989 ebenfalls 2000 Meter.

Zurzeit werden 14 Wettbewerbe bei den Junioren-Weltmeisterschaften angeboten.[2] Die Teilnehmerzahl belief sich 2015 in Rio de Janeiro auf über 550 Athleten aus 54 Nationen.[4] Seit 2011 werden zusätzlich zu den Junioren-Weltmeisterschaften auch Europameisterschaften dieser Altersklasse vom Weltruderverband angeboten. Im europäischen Rudersport gibt es für Junioren seit 1985 außerdem die Regatta Coupe de la Jeunesse, an der lediglich 12 Nationen regelmäßig mit Nachwuchsathleten teilnehmen.

Besonders erfolgreich ist zuletzt Deutschland bei den Junioren-Weltmeisterschaften gewesen, dessen Mannschaften bei den Wettbewerben 2015 beispielsweise elf Medaillen aus 13 Wettbewerben gewinnen konnten.[5] Dieser Erfolg hängt mit der hohen Wertschätzung des Juniorenruderns in Deutschland zusammen, der in anderen Nationen nicht immer gleichartig ausgeprägt ist. Besonders im angelsächsischen Raum steigen erfolgreiche Sportler häufig erst im jungen Erwachsenenalter in den Rudersport ein, häufig durch die Teilnahme an Universitäts-Ruderprogrammen. Auch in Deutschland ist die frühe Konzentration auf das Rennrudern in überregionalen Leistungszentren nicht unumstritten. Ralf Holtmeyer, Trainer des Deutschland-Achters, äußerte etwa in einem Interview mit der DRV-Zeitschrift „rudersport“ im Oktober 2015 die Meinung, dass die Junioren-Weltmeisterschaften „total überschätzt“ seien und die Rudervereine nicht ausreichend in die Jugendarbeit einbezogen würden.[6]

Die meisten Austragungen der Junioren-Weltmeisterschaften fanden in Europa statt, dem Kernkontinent des Rudersports. Ausnahmen waren die Wettbewerbe der Jahre 1975, 1992 (jeweils Montreal), 2007 (Peking), 2015 (Rio de Janeiro) und 2019 (Tokio). Seit 2003 stellen die Junioren-Weltmeisterschaften im vorolympischen Jahr die Generalprobe auf der olympischen Wettkampfanlage dar. In den Jahren der Olympischen Spiele mit Ruderwettbewerben werden seit 1976 orts- und zeitgleich mit den Junioren-Weltmeisterschaften die altersunbeschränkten Ruder-Weltmeisterschaften der nichtolympischen Bootsklassen ausgetragen. Eine Ausnahme von dieser Regel stellte das Jahr 1984 dar. 2016 in Rotterdam wurden beide Veranstaltungen zusätzlich mit den U23-Weltmeisterschaften gebündelt. Im Jahr 2022 wurden die Junioren-Weltmeisterschaften gleichzeitig mit den U23-Weltmeisterschaften in Varese (Italien) ausgetragen.

Jahr Stadt Land Gewässer
FISA Juniorenregatta
1967 Ratzeburg Deutschland Bundesrepublik BR Deutschland Küchensee
1968 Amsterdam Niederlande Niederlande Bosbaan
1969 Neapel Italien Italien Lago di Patria
FISA Meisterschaften für Junioren
1970 Ioannina Griechenland 1970 Griechenland Pamvotida-See
1971 Bled Jugoslawien Jugoslawien Bleder See
1972 Mailand Italien Italien Idroscalo
1973 Nottingham Vereinigtes Konigreich Großbritannien Holme Pierrepont
1974 Ratzeburg Deutschland Bundesrepublik BR Deutschland Küchensee
1975 Montreal Kanada Kanada Notre Dame
1976 Villach Osterreich Österreich Ossiacher See
1977 Tampere Finnland Finnland Kaukajärvi
1978 Belgrad Jugoslawien Jugoslawien Save
1979 Moskau Sowjetunion 1955 Sowjetunion Ruderkanal Krylatskoje
1980 Willebroek (Mechelen) Belgien Belgien Hazewinkel
1981 Sofia Bulgarien 1971 Bulgarien Pantscharewosee
1982 Terni Italien Italien Lago di Piediluco
1983 Vichy Frankreich Frankreich Allier
1984 Jönköping Schweden Schweden Munksjön
Junioren-Weltmeisterschaften
1985 Brandenburg an der Havel Deutschland Demokratische Republik 1949 DDR Regattastrecke Beetzsee
1986 Račice u Štětí Tschechoslowakei Tschechoslowakei Ruderkanal Račice
1987 Köln Deutschland Bundesrepublik BR Deutschland Fühlinger See
1988 Mailand Italien Italien Idroscalo
1989 Szeged Ungarn Ungarn Regattabahn Szeged
1990 Allèves Frankreich Frankreich Lac d’Aiguebelette
1991 Banyoles Spanien Spanien Banyoles-See
1992 Montreal Kanada Kanada Île Notre-Dame
1993 bei Oslo Norwegen Norwegen Årungen
1994 München Deutschland Deutschland Regattastrecke Oberschleißheim
1995 Posen Polen Polen Maltasee
1996 Motherwell (Glasgow) Vereinigtes Konigreich Großbritannien Strathclyde Country Park
1997 Willebroek (Mechelen) Belgien Belgien Hazewinkel
1998 Ottensheim (Linz) Osterreich Österreich Donau-Nebenarm
1999 Plowdiw Bulgarien Bulgarien Ruderkanal Plowdiw
2000 Zagreb Kroatien Kroatien Jarun-See
2001 Duisburg Deutschland Deutschland Regattabahn Duisburg
2002 Trakai Litauen 1989 Litauen Galvesee
2003 Athen Griechenland Griechenland Schinias Olympic Rowing and Canoeing Centre
2004 Banyoles Spanien Spanien Banyoles-See
2005 Brandenburg an der Havel Deutschland Deutschland Regattastrecke Beetzsee
2006 Amsterdam Niederlande Niederlande Bosbaan
2007 Peking China Volksrepublik Volksrepublik China Olympischer Ruder- und Kanupark Shunyi
2008 Ottensheim (Linz) Osterreich Österreich Donau-Nebenarm
2009 Brive-la-Gaillarde Frankreich Frankreich Lac du Causse
2010 Račice u Štětí Tschechien Tschechien Ruderkanal Račice
2011 Eton Vereinigtes Konigreich Großbritannien Dorney Lake
2012 Plowdiw Bulgarien Bulgarien Ruderkanal Plowdiw
2013 Trakai Litauen Litauen Galvesee
2014 Hamburg Deutschland Deutschland Hamburg-Allermöhe
2015 Rio de Janeiro Brasilien Brasilien Lagoa Rodrigo de Freitas
2016 Rotterdam Niederlande Niederlande Willem-Alexander Baan
2017 Trakai Litauen Litauen Galvesee
2018 Račice u Štětí Tschechien Tschechien Ruderkanal Račice
2019 Tokio Japan Japan Sea Forest Waterway
2020 Bled Slowenien Slowenien Bleder See
2021 Plowdiw Bulgarien Bulgarien Ruderkanal Plowdiw
2022 Varese Italien Italien Lago di Varese
2023 Paris Frankreich Frankreich Stade nautique de Vaires-sur-Marne
2024 St. Catharines Kanada Kanada Royal Canadian Henley Rowing Course
2025 Trakai Litauen Litauen Galvesee
2026 Plowdiw Bulgarien Bulgarien Ruderkanal Plowdiw

Einzelnachweise

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  1. a b c d e f FISA rule book. (PDF; 1,86 MB) In: www.worldrowing.com. Weltruderverband, abgerufen am 31. Januar 2016 (englisch).
  2. a b 2016 World Rowing Junior Championships. In: www.worldrowing.com. Weltruderverband, abgerufen am 31. Januar 2016 (englisch).
  3. Andrew Guerin: World Junior Championships. In: www.rowinghistory-aus.info. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 29. Januar 2016; abgerufen am 31. Januar 2016 (englisch).
  4. Entries by event. (PDF; 125 kB) In: www.worldrowing.com. Weltruderverband, 5. August 2015, abgerufen am 31. Januar 2016 (englisch).
  5. Medal table: 2015 World Rowing Junior Championships. In: www.worldrowing.com. Weltruderverband, abgerufen am 31. Januar 2016 (englisch).
  6. Oliver Jensen: „Müssen am Streckenschlag arbeiten“ – Interview mit Bundestrainer Ralf Holtmeyer. In: rudersport, die offizielle Zeitschrift des Deutschen Ruderverbandes (DRV). Jg. 2015, Nr. 10. Sportverlag Schmidt & Dreisilker, ISSN 0342-8281, S. 15.